Lesen, was wir hören sollten

Besichtigung der „Untertitel-Werkstatt“ in Münster

In diesem lang anhaltenden und zeitweise mit extremen Temperaturen ausgestatteten Sommer 2018 besuchten einige Mitglieder der Selbsthilfegruppe „Hörgeschädigte in Emsdetten und Umgebung“ die in zwei Einfamilienhäusern untergebrachte Untertitel-Werkstatt in Münster.

Bei Kaffee und Kuchen in angenehm klimatisierten Räumen empfingen uns die beiden Inhaber Marianne Koch und Bernhard Brämswig und berichteten uns von den Anfängen ihrer Untertitel-Werkstatt vor nunmehr 34 Jahren. Es war bundesweit die erste „Werkstatt“, welche Untertitel für Hörgeschädigte herstellte. Die erste Produktion der ARD war 1981 der Tatort „Usambaraveilchen“ mit Gustl Bayrhammer.
Seit 1984 ist die „Untertitel-Werkstatt“ nun in Münster-Mecklenbeck ansässig. Mit ca. 10 Festangestellten (inklusive der Auszubildenden), und bei Bedarf zusätzliche freie Mitarbeiter, werden die aufwändig erstellten Untertitel erstellt. Interessant war zu erfahren, dass auch Tontechniker mit im Team sind.
Die Erstellung der Untertitel geschieht wie folgt: Während auf einem Bildschirm der Film abläuft, wird auf einem zweiten Bildschirm der Text – bzw. die Zeilen – geschrieben. Allzuviel Text darf es nicht sein, weil der Platz und die Lesegeschwindigkeit begrenzt sind. Manchmal muss gekürzt werden, ohne inhaltlich Entscheidendes wegzulassen. Etwa 15 bis 20 Film-Minuten schafft ein Mitarbeiter am Tag. Da es richtig gut werden soll, schaut sich der Untertitler zunächst den kompletten Film an. Es macht Sinn, wenn der Inhalt des Films schon bekannt ist.
Damit die Texte – entsprechend farblich gekennzeichnet – im richtigen Moment eingeblendet werden, bekommen die Filme einen sogenannten Time-Code. Und wenn dann der Film fertig ist, schauen Marianne Koch und Bernhard Brämswig ihn sich zur Endabnahme noch einmal an. Manche Filme – nach möglichen Korrekturen – sieht sich das Ehepaar bis zu fünf Mal an. Durch das häufige Ansehen der Filme, haben die Macher keine Freude daran, privat den Fernseher einzuschalten. Deshalb gibt es im heimischen Wohnzimmer schon lange kein TV mehr. Stattdessen, und zur Entspannung, ist der wöchentliche Donnerstag ihr Kinotag.
Erstaunt waren die Besucher zu erfahren, dass es keine festen Verträge mit den Sendeanstalten gibt. So wissen die Untertitler selten, welche Aufträge in der nächsten Woche produziert werden müssen. Kritisch wurde auch angemerkt, dass die Sender in allen Bereichen – zum Teil extrem – die Kosten reduzieren. Auch, und gerade im Bereich der Untertitelung. Das wirkt sich zum Teil sehr krass auf die Qualität aus, wie man leider oft im Programm sehen kann. In der Untertitel-Werkstatt wurde bisher und wird auch in Zukunft auf die bestmögliche Qualität für die Hörgeschädigten geachtet.
Zum Abschluss der sehr ausführlichen und lehrreichen Besichtigung wurde deutlich hervorgehoben, dass es sehr wünschenswert wäre, wenn auch die „Lokalzeit“ im WDR untertitelt wird. Technisch ist das, entgegen der Information des WDR, durchaus machbar.
Bemerkenswert, dass Frau Koch, neben dem Aufbau der „Untertitel-Werkstatt“, jahrelang in der Hörgeschädigtenszene sehr aktiv unterwegs war.

Von Helmut Schlieckmann

 Untertitelwerkstatt 15.06.18

Foto 1: v.l.n.r.:
Marianne Koch, Martha Berning, Gertrud Hermesmeyer, Franz Pingel,
Helmut Schlieckmann,Gottfried Flemming, Bernhard Brämswig
Foto: Untertitel-Werkstatt

Untertitelwerkstatt Frau Koch 500x317

Foto 2:
In der hinteren Reihe:
Der ehemalige Bundesbeauftragte für Menschen mit Behinderung Hüppe, Jürgen Brackmann;
vorne v.l.n.r.:
Helmut Schlieckmann, Marianne Koch, Anna-Maria Koolwaay, Helga Schulze Bertelsbeck,
Doris Rüter, Hella Heitkämper, Bärbel Henrich
Foto: Schwerhörigenverein Münster

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